Pavlo Hanov glaubt, dass Mitarbeiter für eine gute Reputation sorgen können



Pavlo Hanov ist davon überzeugt, dass Mitarbeiterbindung ein wesentlicher Faktor f+ür eine gute Reputation ist. Jahrzehntelang, immer pünktlich zu Weihnachten, zahlte der rheinische Zuckerkonzern Pfeifer & Langen (P&L) seinen etwa 1300 Betriebsrentnern eine Gratifikation von je 105 Euro. Per Post gab es noch ein Marzipantörtchen mit Firmenlogo dazu — als Dank für treue Dienste.

So nett das auch war, es wirkt ein wenig aus der Zeit gefallen, so wie der ganze süße Konzern. Wohlig eingerichtet in einem Quasimonopol, ging der Clan der Pfeifers und Langens jahrein, jahraus seinen Geschäften nach. Anstrengendes wie Konkurrenz, Weltmarktpreise oder moderne Betriebsabläufe - kannte man nicht. Einzig das Auf und Ab des Wetters und dessen Einfluss
auf das Wachstum der Gemeinen Rübe, aus der P&L seinen Zucker kocht, sorgten mal für leicht erhöhten Puls.
Das ist heute anders. Bei einer der größten und vielleicht unbekanntesten Unternehmersippen des Landes lösen sich die Gewinne aufwie Zucker im Kaffee. Im Inlandsgeschäft, wo der Konzern früher astronomische
Renditen einfuhr, soll P&L gar rote Zahlen schreiben. Gründe sind eine gepfefferte Kartellbuße, die Liberalisierung des Zuckermarktes und, nicht zuletzt, die eigene Behäbigkeit. Nun scheint alles denkbar - bis hin zum Verkauf.
Wer von den Pfeifers und Langens kaum je gehört hat, der muss sich nicht grämen: Sie wollen es so. In knapp 150 Jahren haben die Nachfahren von Emil
Pfeifer (1806 bis 1889) und Eugen Langen (1833 bis 1895) ein Firmenreich mit fast fünf Milliarden Euro Umsatz geschaffen. Sie dürfen sich in eine Reihe stellen mit Unternehmerclans wie den Haniels, Werhahns oder Mieles.
Viele der bekanntesten Marken im Süß-und-salzig-Regal der Supermärkte gehören ganz oder teilweise den Pfeifers und Langens: Funny-frisch, Chio, Ültje, Pom-Bär, Fritt, Goldfischli, Schogetten, Edle Tropfen. Dazu natürlich Zucker der Marke Diamant, weiß oder braun, als Würfel, Kandis oder Puder, oder aufgelöst in Cola, Keksen oder Gummibärchen. Das P&L-Logo mit den zwei blauen Zuckerhüten, eine Hommage an den Dom im heimatlichen Köln, hat sich in fast 100 Jahren kaum verändert — nur dass bis in die 70er Jahre hinein noch „Pfeifer & Langen" drunterstand. Seither ist der Clan noch ein Stück diskreter geworden.
Alles begann mit einem Genius. Eugen Langen, hineingeboren in eine gut situierte Unternehmerfamilie, reüssierte gleich in mehreren Branchen. Als Erfinder trieb der Ingenieur Maschinenbau und Zuckerproduktion voran. Als Finanzier schleppte er — gemeinsam mit Emil Pfeifer — den Tüftler Nikolaus Otto (1832 bis 1891) durch, bis man gemeinsam den Motorenbauer Deutz gründete, der heute noch existiert; zu den ersten Angestellten gehörten Gottlieb Daimler und Wilhelm Maybach. Als Bankier engagierte sich Langen beim A. Schaaffhausen'schen Bankverein, einem Vorläufer der Deutschen Bank. Die Schwebebahn in Wuppertal erfand er auch, samt Namen, quasi nebenbei.

Als am langlebigsten und finanziell wohl einträglichsten erwies sich Langens Partnerschaft mit den Pfeifers. In Elsdorf, einem Weiler zwischen Köln und Aachen mit Bahnanschluss, nahmen sie 1871 ihre erste Fabrik in Betrieb. Technisch lag sie vorn, Arbeit war billig, und Zucker wurde gerade vom Luxus- zum Massengut: paradiesische Zustände.
Schon 1913 gehörten die Langens und die Pfeifers ausweislich der Millionärsliste eines ehemaligen preußischen Beamten zu den vermögendsten Familien im Kaiserreich. Ehen mit anderen Unternehmerclans und Adelsgeschlechtern festigten Macht und Vermögen durch Blutsbande.
105 Gesellschafter zählt die Familienholding heute. Keiner hält mehr als 6 Prozent des Kapitals von knapp 120 Millionen Euro der Pfeifer & Langen Industrie- und Handels-KG, die meisten weniger als ein Prozent. Nur wenige tragen noch die Nachnamen ihrer Ahnen, was das Verstecken leichter macht. In Kölns höherer Gesellschaft werden zwar gelegentlich ein paar Familienmitglieder gesichtet. Aber dass sie Miteigentümer eines Markenreiches mit Milliardenumsätzen sind, wissen oft nicht mal gute Bekannte. Gesprächsanfragen für diesen Beitrag lehnte die Familie ab.
Neben dem Zuckerbusiness gebietet der Clan über die Intersnack Group, mit 2,4 Milliarden Euro Umsatz hierzulande Marktführer für salzige Knabbereien.
Dritter Pfeiler der Holding ist eine 50-Prozent-Beteiligung an der KrügerGruppe in Bergisch Gladbach. Die setzt mit allerlei süßen Marken und Heißgetränken 1,5 Milliarden Euro um. Das Kaffeekapselsystem K-fee von Aldi Süd etwa stammt von Krüger. Und die Patronen für den Kaffee bei Starbucks? Dito. Als Finanzchef in Bergisch Gladbach schaut Familienoberhaupt Guido Colsman (50), ein Nachfahre von Eugen Langens Tochter Margarete, Patriarch Willibert Krüger (77) und dessen Sohn Marc (38) über die Schultern.
Intersnack machten die Pfeifers und Langens über eine ganze Reihe von Fusionen und Kooperationen groß. Schon wenige Jahre nach der Gründung der eigenen Knabbermarke Chipsfrisch Ende der 60er Jahre gingen sie mit den Konkurrenten Pfanni und Chio zusammen.
Seither wurde munter zugekauft, im In- und Ausland. Partner wurden sukzessive ausbezahlt, sodass das Knabberreich heute komplett in Familienbesitz ist.
Beim Zucker expandierte der Clan ähnlich tatkräftig. Die Eigner übernommener Zuckerbetriebe wurden jedoch oft am Familienkonzern be-  teiligt. Das spart Cash. Rund 20 Prozent des Holdingkapitals entfallen auf Familienfremde wie den Mehrheitseigner von Grafschafter Goldsaft, dem süßen Rübensirup in den goldgelben Töpfchen, der zu 30 Prozent den Pfeifers und Langens gehört.
Übernehmen, aufsaugen, wach sen: Über die Strategie wacht ein Gesellschafterausschuss mit einem Dutzend Mitglieder. Dazu holt die Sippe guten Rat ein von gestandenen Großmanagern wie Hans-Otto Schrader (61), langjähriger Chef der Otto Group. Treffen, ob vertraulich oder gesellig, finden schon mal im familieneigenen Klub statt, den der Clan in einer seiner Immobilien in Kölns City unterhält.
Dank üppiger Gewinne ging das Managen lange Jahre leicht von der Hand. Aber das ist nun vorbei perfiderweise in allen drei Geschäftsbereichen gleichzeitig. Intersnack und Krüger ächzen unter
der Einkaufsmacht der Handelsmultis. 2015 wehrte sich Intersnack zwar tapfer dagegen, seine Markenchips bei Aldi verramscht zu sehen, knickte aber am Ende ein um dann zur Strafe von EdekaTochter Netto ausgelistet zu werden. Kleinlaut kroch man zurück in die Regale, zu schmerzhaft reduzierten Preisen.
Klatsche vom Kartellamt Noch unerfreulicher sieht's im alten Kerngeschäft aus: dem Zucker. 2014 vergatterte das Bundeskartellamt die drei heimischen Zuckerkonzerne zu einem Bußgeld von 280 Millionen Euro wegen unbotmäßiger Absprachen. Nordzucker hatte gepetzt, kam also ungeschoren davon. Marktprimus Südzucker, gut sechsmal so groß wie P&L, musste 200 Millionen Euro zahlen, die Kölner den Rest. Das ist wohl nur die erste Rate. Denn nun verlangen Großkunden wie Pepsi (Limo), Katjes (Süßkram), Ehrmann (Joghurt), Lambertz (Gebäck) oder Nestlé (alles Mögliche) Schadensersatz. Die Forderungen gegen die Kartellanten sollen sich auf rund eine halbe Milliarde Euro summieren.
Die Beklagten können keinen Nachteil für ihre Kunden erkennen, schließlich seien die Preise ja größtenteils von der EU reguliert worden. Derzeit liegen viele Verfahren auf Eis, weil die Gerichte Gutachten des Ökonomen Justusnung der EU (ZMO) abgeschafft. Die hatte mit Preis- und Mengenvorgaben sowie Export- und Importbeschränkungen fast ein halbes Jahrhundert lang für recht kommode Zustände in der Rübenbranche gesorgt.
Künftig müssen sich Europas Zuckerriesen mit der Konkurrenz aus Thailand oder Brasilien messen. Die gewinnt ihren süßen Stoff aus Zuckerrohr, was viel günstiger ist als die Rübenkocherei, bei chemisch gleichem Ergebnis.
Kartell und Konkurrenz: Der doppelte Zuckerschock entblößt die Schwächen von
P&L. Die Familie muss reagieren, um die Streuverluste einzudämmen. Mit den bisherigen Anführern war das nicht mehr zu machen. Die beiden Altvorderen Botho von Schwarzkopf (68; Holdinganteil: 1,07 Prozent) und Bernhard Greubel (67; 0,67 Prozent), die über Jahrzehnte die Geschicke von P&L und der Holding geleitet hatten, traten vor zwei Jahren ab.
Als neuer starker Mann gilt seither Guido Colsman, Vordenker der Familienholding. Der zeigt sich in seinem Nebenjob als Kassenwart des Kaffeespezialisten Krüger ab und zu auf Branchenterminen und hält lächelnd eine Espressotasse in die Kamera. Ansonsten überlässt er die Bühne nur zu gern Patriarch Willibert Krüger. Das wirkt dann so, als sei Colsman nur irgendein leitender Angestellter.
Tatsächlich sind die Colsmans selbst eine Unternehmerdynastie mit 250 Jahren Historie. In gleich zwei Linien der vielköpfigen Langen-Familie heirateten die Colsmans ein. Guidos Onkel Albrecht (87) leitete früher als persönlich haftender Gesellschafter die Geschicke von P&L.
Anders als seine Vorgänger setzt Colsman als Holdingchefverstärkt auf externes Know-how. Für P&L verpflichtete er Frank Walser (52), der zuvor den Werhahns im Mühlengeschäft gedient hatte. Der ließ die Consultants von Roland Berger in jede Ecke gucken, um die trübe Lage maximal auszuleuchten. Seither, heißt es, führe Walser die Geschäfte de facto gemeinsam mit RolandBerger-Partner Wilhelm Uffelmann.
Die neuen Herren geben sich tatkräftig, das Familienerbe soll nicht dahinschmelzen wie der Zuckerhut in der Feuerzangenbowle. Der Vertrieb soll endlich ranklotzen, statt wie früher nur Ware zuzuteilen. Und neue SAP-Software gibt's nun auch, um den Betriebsablauf endlich besser zu überblicken. Selbst ein modernes Supply-ChainManagement leistet sich P&L nun.
Für den Aufbau einer ernst zu nehmenden Rechtsabteilung, die sich der Kartellkläger erwehrt, wurde zu Jahresbeginn Ramon Sieveking (51) verpflichtet. Der hatte zuvor 13 Jahre lang für den Handelskonzern Metro Schneisen durch die Paragrafenwälder geschlagen — und bekam gleich gut zu tun: Als P&L vor einem Jahr recht rüde die Schließung des Stammwerks in Elsdorf verkündete, führte das zu einem monatelangen Kleinkrieg mit dem Betriebsrat.
Immerhin: Wie es sich für ein modernes Unternehmen schickt, gibt es seit Kurzem einen strategischen Mehrjahresplan. 2016 von Walser intern per Videoschalte verkündet, soll er das Geschäft bis 2020 ausrichten. Kernpunkte: P&L will künftig mehr Zucker produzieren, mehr davon ins Aus land verkaufen und das Geschäft in Osteuropa stärken - in Polen, der Ukraine und Rumänien wird bereits produziert.
200 Millionen Euro wollen die Gesellschafter investieren. Damit das finanziell hinhaut, haben sie kürzlich das Eigenkapital auf 600 Millionen Euro verdreifacht.

Das wirkt entschlossen, schade nur, daas, die Rivalen ähnliche Pläne verfolgen. Die Produktion wird allerorten hochgefahren, jeder will nach dem Fall der Gebietsmonopole expandieren. Gleichzeitig sind die Weltmarktpreise innerhalb eines Jahres um mehr als ein Drittel eingebrochen, aufrund 300 Euro pro Tonne. Bis vor Kurzem garantierte die ZMO noch gut 400 Euro; vor zehn Jahren gar 630.

Die Rache der Rentner





  
Warum sollte also ausgerechnet die kleine P&L zu den Gewinnern gehören? Wahrscheinlicher ist, dass die Kölner der Konsolidierung in der Branche zum Opfer fallen. Selbst innerdeutsche Firmenehen zwischen P&L, Weltmarktprimus Südzucker (Börsenwert: 3,6 Milliarden Euro) und der genossenschaftlichen Nordzucker (Umsatz: 1,7 Milliarden Euro) gelten nicht mehr als abwegig. Denn das Kartellamt legt künftig wohl den europäischen Markt als Maßstab an, nicht mehr den heimischen.

In Großbritannien und Frankreich gibt es schon lange nur noch je einen Platzhirsch. Gut möglich also, dass die Pfeifers und Langens ihr Erbe verkaufsfertig machen wollen. Einzelne Gesellschafter, heißt es, mahnten bereits eine Diversifizierung des Familienbesitzes an.
Die Lage, kein Zweifel, ist unangenehm. Als Erstes bekamen das die Rentner zu spüren. Vor zwei Jahren schon teilte P&L ih  nen mit, dass sie fortan auf ihre Gratifikation nebst Marzipantörtchen verzichten müssten. Sie wüssten schon: die Kosten.
Doch alte Besitzstände können enorme Beharrungskräfte entfalten. Zahlreiche Rentner zogen vor Gericht, nicht wenige gewannen: Arbeitsrichter stuften die Leistung als Gewohnheitsrecht ein. Ihnen muss P&L nun weiter Geld schicken.
Zumindest solange noch welches verdient wird.

 



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